Luft !!Das alte Klinikum ist inzwischen Geschichte. Im Jahr 1984 zogen die einzelnen Abteilungen des zwischenzeitlich Universitätsklinikum gewordenen Komplexes in das neue Klinikum um. Kurz darauf wurden fast alle Häuser im alten Klinikum dem Erdboden gleichgemacht. Geblieben ist, neben dem alten Verwaltungsgebäude (Missio) und einigen Pavillons (Waldorfschule) ein sich selbst überlassendes Gelände voll verwilderter, sich regenerierender Natur und die beiden Torhäuser. Das eine (ehemaliges Torhaus "2") hat durch den Umbau in eine Arzt-Praxis inzwischen leider seinen Tor-Charakter verloren. Das letzte verbliebende Torhaus, das alte Torhaus "1", ist bis jetzt unverändert. Es bildet, aus einer Laune der Geschichte heraus, immer noch den Übergang zwischen gesunder Parkluft und staubiger lauter Stadtluft, genau so wie es der Architekt Ruppel und der ausführende Stadtbaumeister Laurent vor über 100 Jahren beabsichtigt hatten, wenn auch in einem ganz anderen Kontext. Das in der Zeit von 1902 bis 1905 entstandene alte Klinikum, ist im sogenannten Pavillonstil erbaut worden. In der Medizin existierte in der damaligen Zeit die Idee, dass frische, gesunde Luft das beste Heilmittel gegen Krankheiten und der beste Garant für bleibende Gesundheit sei. So gab es auch eine detaillierte Vorstellung darüber, wie sich die verschiedensten Krankheiten bis hin zu Wundentzündungen über die Luft verbreiten würden. Dies hatte Folgen für die medizinischen Behandlungsmethoden und auch für die Konzeption von Krankenhäusern. Diesem Gedankenmodell folgend, wurde das Aachener Klinikum in 5 verschiedene Bereiche aufgeteilt:
Aus dem Modell der gesunden Luft folgten für die Planung des Krankenhauses Regeln wie:
Innerhalb der einzelnen Bereiche wurden die Patienten in Pavillons untergebracht. Durch ie geringen Abmessungen der Gebäude sollte gewährleistet sein, dass jeder Patient mit ausreichend gesunder Luft in Kontakt kommt. Um ganz sicher zu gehen, verfügten die Pavillons darüber hinaus noch über ein ausgetüfteltes Belüftungssystem. So waren die einzelnen Pavillons vor dem Hintergrund der Theorie zur Infektion durch unsaubere Luft sowohl von der Lage innerhalb des Geländes als auch von der genauen Bauweise, der Behandlung ganz bestimmter Krankheiten zugedacht. Es fanden sich Pavillons für "tuberkulöse Männer" und "tuberkulöse Frauen", Mumps Scharlach... Im Modell der "gesunden Luft" galt als Regel, dass "kranke bzw. infektiöse" Luft nach oben ströme. Folglich wiesen die Pavillons nicht mehr als zwei Etagen auf. Man ging davon aus, dass Patienten in weiter oben gelegenen Etagen nicht mehr ausreichend mit "sauberer" Luft versorgt würden.
Pavillons, die mit Patienten mit ansteckenden Krankheiten belegt waren, hatten sogar nur eine Etage, um zu verhindern, dass die Patienten der oberen Etagen sich mit den Krankheiten der unteren Etagen ansteckten. Frisch Operierte wurden grundsätzlich im Erdgeschoss untergebracht, um so einer Wundentzündung durch Kontamination mit verunreinigter Luft vorzubeugen. Mit den (heute teilweise noch vorhandenen) unterirdischen Belüftungskanälen, wurden sowohl die über das gesamte Areal verteilten Lüftungshäuschen als auch, über Anschlüsse im Keller, die einzelnen Pavillons mit gesunder Frischluft versorgt. Eine zentrale Rolle in dieser aus dem Modell der gesunden Luft folgenden Krankenhauskonzeption spielten die Zugänge zum ansonsten von einer hohen Mauer umgebenen Klinikgeländes: Die Torhäuser. Mit diesen Torhäusern wurde der Besucherverkehr von außen, also die mögliche Einschleppung von Krankheiten und damit "infektiöser" Luft kontrolliert und dadurch so weit wie möglich, unterbunden. Die damaligen Ideen von gesunder und infektiöser Luft mögen aus der heutigen Zeit als einer der vielen Irreweg der menschlichen Erkenntnis erscheinen. Das Gelände des alten Klinikums mit seiner verwilderten Natur bietet weiterhin die Möglichkeit in dieser so hektischen Zeit einmal innezuhalten. Und das letzte Torhaus ist der entsprechende Eingang dazu.
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